Gerüstklassen: Breiten-, Höhen- und Lastklassen
Breite, lichte Höhe und Tragfähigkeit: So lesen Sie die Klassen eines Gerüsts und wählen die passende Kombination für Ihre Arbeiten.

Ein Maler braucht auf dem Gerüst etwas anderes als ein Maurer, der Steine und Mörtelkübel auf der Lage abstellt. Damit Gerüste für so unterschiedliche Aufgaben vergleichbar beschrieben werden können, teilt man sie in Klassen ein. Früher ordnete die DIN 4420-1 (Ausgabe 1990) Baugerüste in sechs Gerüstgruppen ein. Mit der europäischen DIN EN 12811-1 „Temporäre Konstruktionen für Bauwerke – Teil 1“ wurde diese Einteilung aufgelöst und durch drei getrennte Merkmale ersetzt: die Breitenklasse, die Höhenklasse und die Lastklasse.
In der Theorie lassen sich diese drei Größen frei miteinander kombinieren. In der Praxis gibt es Grenzen, auf die wir weiter unten eingehen. Wer ein Gerüst kauft, sollte die Klassen kennen, denn sie entscheiden darüber, ob das Material für die geplante Arbeit überhaupt zugelassen ist.
Warum es Gerüstklassen gibt
Ein Gerüst ist ein Arbeitsplatz in der Höhe. Je nach Gewerk ändern sich drei Dinge: wie viel Platz man zum Arbeiten und Abstellen braucht, wie viel Kopffreiheit zwischen den Lagen nötig ist und welches Gewicht Personen, Werkzeug und Baustoffe auf den Belag bringen. Die Klassen übersetzen diese Anforderungen in feste Werte. Der Hersteller weist in der Zulassung und in der Aufbau- und Verwendungsanleitung aus, welche Klassen sein System in welcher Ausführung erreicht.
Für die Wahl der Klasse zählen neben den Arbeitsanforderungen auch die Gefährdungen am Einsatzort. Eine schmale Lage ist leichter zu tragen und schneller aufgebaut, bietet aber weniger Bewegungsraum. Eine breite Lage mit hoher Lastklasse kostet mehr Material und Geld, ist für schwere Arbeiten jedoch Pflicht.
Breitenklassen W06 bis W24
Die DIN EN 12811-1 kennt sieben Breitenklassen. Sie decken nutzbare Belagbreiten von 0,60 m bis 2,40 m ab und werden mit einem W (für englisch width) und der Mindestbreite in Dezimetern bezeichnet. Ein Gerüst der Klasse W09 hat also eine Belagbreite von mindestens 0,90 m, aber weniger als 1,20 m.
| Breitenklasse | Belagbreite | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| W06 | 0,60 bis unter 0,90 m | Malergerüst, Fassadenanstrich, Reinigung, Inspektion |
| W09 | 0,90 bis unter 1,20 m | Maurer- und Putzarbeiten, Dämmung, Arbeiten mit Materialablage |
| W12 | 1,20 bis unter 1,50 m | größere Ablageflächen, breite Arbeitsebenen |
| W15 | 1,50 bis unter 1,80 m | Sonderanwendungen, Industrie |
| W18 | 1,80 bis unter 2,10 m | Sonderanwendungen, Industrie |
| W21 | 2,10 bis unter 2,40 m | Sonderanwendungen |
| W24 | ab 2,40 m | Sonderanwendungen |
Am Fassadengerüst sind in Deutschland zwei Breiten üblich. Schmale Rahmen mit rund 0,70 m (im Standardraster 0,73 m) fallen in W06. Breite Rahmen mit rund 1,00 m (im Standardraster 1,09 m) erreichen W09. Die Klassen W12 und darüber entstehen meist durch Konsolen, mit denen der Belag nach innen oder außen verbreitert wird, oder durch Modulgerüste mit langen Querriegeln. Wie Sie die Felder auf eine Wand verteilen und welche Maße es gibt, erklärt der Ratgeber Feldlängen und Raster.
Wie breit muss es sein?
Eine einfache Faustregel: Wer nur mit Pinsel, Rolle oder Spritzgerät arbeitet und kein Material auf der Lage lagert, kommt mit W06 aus. Sobald Steine, Putzsäcke, Dämmplatten oder Mörtelkübel auf der Lage stehen, braucht man W09. Denn neben dem abgestellten Material muss ein freier Durchgang von mindestens 0,20 m bleiben, und das ist auf einer 0,70 m breiten Lage kaum zu schaffen.
Höhenklassen H1 und H2
Die Höhenklasse beschreibt die lichte Höhe, also den freien Raum über dem Belag bis zum nächsten Hindernis darüber – etwa dem Belag der nächsten Lage, einem Querriegel oder einem Gerüsthalter. Die Norm unterscheidet zwei Klassen: H1 und H2, wobei H2 die größere lichte Höhe bietet. Auf die genauen Grenzmaße kommt es beim Kauf selten an, weil der Hersteller die Höhenklasse für seine Regelausführung angibt.
Wichtiger für die Praxis ist der Lagenabstand. Bei den verbreiteten Systemgerüsten liegen die Beläge im Regelfall 2,00 m übereinander. Wer große Bauteile auf der Lage bewegt oder viel über Kopf arbeitet, sollte prüfen, ob ihm die lichte Höhe zwischen den Lagen reicht, und das bei der Planung berücksichtigen. In Deutschland sind Systemgerüste der Höhenklasse H1 der Normalfall.
Lastklassen 1 bis 6
Neben der Breite ist die zulässige Belastung das zweite große Auswahlkriterium. Die DIN EN 12811-1 legt sechs Lastklassen fest. Angegeben wird jeweils eine gleichmäßig verteilte Last je Quadratmeter Belagfläche in Kilonewton, kurz kN/m². 1 kN entspricht grob 100 kg Gewichtskraft.
| Lastklasse | Flächenlast | entspricht etwa | Beispiele |
|---|---|---|---|
| LK1 | 0,75 kN/m² | 75 kg/m² | Inspektion, Arbeiten ohne Material auf der Lage |
| LK2 | 1,50 kN/m² | 150 kg/m² | Inspektion, Reinigung, leichte Arbeiten ohne Materiallagerung |
| LK3 | 2,00 kN/m² | 200 kg/m² | Maler, Verfuger, Putz- und Ausbesserungsarbeiten mit wenig Material |
| LK4 | 3,00 kN/m² | 300 kg/m² | Maurer- und Putzarbeiten, Dämmung, Lagerung von Baustoffen |
| LK5 | 4,50 kN/m² | 450 kg/m² | Mauerarbeiten mit großer Materialmenge, schwere Fassadenelemente |
| LK6 | 6,00 kN/m² | 600 kg/m² | Naturstein- und Werksteinarbeiten, schwere Lagerung |
Die Lastklasse gilt immer für das einzelne Feld und hängt von der Feldlänge und vom Belag ab. Ein System kann in kurzen Feldern LK4 oder LK5 erreichen und in langen Feldern nur LK3. Auch der Belag spielt eine Rolle: Stahl-, Alu- und Holzbeläge haben je nach Länge unterschiedliche Tragfähigkeiten. Welche Kombination freigegeben ist, steht in der Zulassung und in der AuV des Herstellers. Die Unterschiede der Belagarten behandelt der Ratgeber zum Belagvergleich.
Teilflächenlast bei den Klassen 4 bis 6
Wer Material lagert, stellt es selten gleichmäßig über das ganze Feld verteilt ab. Meist steht eine Palette Steine oder ein Stapel Platten auf einer kleinen Fläche. Deshalb müssen Gerüste der Lastklassen 4 bis 6 zusätzlich eine höhere Teilflächenlast q2 aufnehmen können. Auf welchen Anteil der Feldfläche diese erhöhte Last wirkt, legt der Teilflächenfaktor ap fest. Für den Anwender heißt das: Auch bei hoher Lastklasse gehört schweres Material nicht punktuell auf einen einzelnen Belag in Feldmitte, sondern möglichst nahe an die Stiele und gleichmäßig verteilt.
Grenzen der freien Kombination
Breite, Höhe und Last lassen sich nicht beliebig zusammenstellen. Die wichtigste Einschränkung betrifft die Lagerung von Baumaterial: Wird eine Gerüstlage zum Transport oder Abstellen größerer Mengen genutzt, braucht es die Lastklassen 4 bis 6, und diese verlangen mindestens die Breitenklasse W09. Der Grund ist der freie Durchgang von 0,20 m neben dem Material, den eine W06-Lage praktisch nicht hergibt. Ein schmales Malergerüst als Steinlager zu nutzen, ist also gleich doppelt unzulässig: zu schmal und meist zu schwach.
Umgekehrt lohnt eine hohe Lastklasse nicht, wenn sie gar nicht gebraucht wird. Kürzere Felder bedeuten mehr Stiele, mehr Beläge und mehr Arbeitszeit beim Aufbau. Für einen Fassadenanstrich am Einfamilienhaus ist LK3 in 2,57 m langen Feldern völlig ausreichend.
Welche Klasse für welche Arbeit?
Die folgende Übersicht ist eine Orientierung für die Planung. Maßgeblich bleiben die Angaben des Herstellers und die Gefährdungsbeurteilung für Ihre Baustelle.
- Anstrich, Reinigung, Fugen ausbessern: W06, LK3. Das klassische Malergerüst mit rund 0,70 m Breite.
- Putz, Wärmedämmung, Fenstertausch: W09, LK3 bis LK4, je nachdem, wie viel Material auf der Lage steht.
- Mauerwerk, Verblendung, Klinker: W09, LK4 oder höher. Das typische Maurergerüst mit rund 1,00 m Breite.
- Naturstein, Werkstein, schwere Fassadenplatten: W09 oder breiter, LK5 bis LK6, kurze Felder.
- Dachrinne, Dachüberstand, Inspektion: W06, LK2 bis LK3. Bei Dacharbeiten zusätzlich an Fangschutz denken.
So erkennen Sie die Klasse an Ihrem Gerüst
Ein Gerüst trägt seine Klasse nicht als Aufkleber am Rahmen. Sie ergibt sich aus System, Breite, Feldlänge und Belag. So gehen Sie vor:
- System bestimmen: Hersteller und Typ stehen meist als Prägung oder auf einem Schild am Rahmen oder Stiel, oft mit Zulassungsnummer. Im Zweifel hilft ein Foto der Anschlüsse.
- Breite messen: Die nutzbare Belagbreite zwischen den Stielen ergibt die Breitenklasse. Rund 0,70 m bedeutet W06, rund 1,00 m bedeutet W09.
- Feldlänge messen: von Mitte Stiel bis Mitte Stiel. Typische Werte sind 2,07, 2,57 und 3,07 m.
- Belag prüfen: Stahl, Alu, Holz oder Rahmentafel mit Sperrholz – jeder Typ hat eigene Tragwerte.
- AuV nachschlagen: In der Tabelle der Regelausführung finden Sie zu Breite, Feldlänge und Belag die zugehörige Lastklasse.
Fehlt die Anleitung, fragen Sie beim Kauf danach. Für gebrauchte Systeme, die wir im Lager führen, nennen wir Ihnen gern die üblichen Klassen der jeweiligen Ausführung.
Checkliste vor dem Kauf
- Welche Arbeiten sollen vom Gerüst aus erledigt werden, und von welchem Gewerk?
- Wird Material auf der Lage gelagert? Wenn ja: mindestens W09 und LK4.
- Wie lang dürfen die Felder sein, damit die Lastklasse noch erreicht wird?
- Reicht der Belag, den Sie im Bestand haben oder kaufen wollen, für diese Klasse?
- Gibt es Bereiche mit höherer Last, etwa eine Materialablage am Aufzug? Dort Felder verkürzen oder verstärken.
- Passt die Breite zum Wandabstand? Der Abstand Belag–Wand darf höchstens 0,30 m betragen, sonst sind Innenkonsolen oder ein innerer Seitenschutz nötig.
Mit diesen Angaben lässt sich das passende Material schnell eingrenzen. Den Flächenbedarf ermitteln Sie mit dem Gerüstkalkulator, passende Pakete finden Sie bei den gebrauchten Gerüsten ab Lager Leipzig. Die zugrunde liegenden Regelwerke stellt die Seite zu den Gerüstnormen vor.
Häufige Fragen
Welche Lastklasse brauche ich für Malerarbeiten?
Für Anstrich und Reinigung genügt meist LK3, also 2,00 kN/m². Damit sind Personen, Werkzeug und kleine Mengen Farbe abgedeckt. Lagern Sie zusätzlich schwere Eimer oder Gebinde in größerer Zahl, planen Sie lieber eine Stufe höher.
Ist ein 0,70 m breites Gerüst für Maurerarbeiten erlaubt?
Nein, sobald Steine und Mörtel auf der Lage gelagert werden. Dafür braucht es die Lastklassen 4 bis 6, und diese setzen mindestens die Breitenklasse W09 voraus. Ein 0,70 m breites Gerüst fällt in W06.
Steht die Lastklasse auf dem Gerüst?
Nein, auf den Bauteilen findet man meist nur Hersteller, Typ und gegebenenfalls Zulassungsnummer. Die Lastklasse ergibt sich aus System, Feldlänge und Belag und steht in der Aufbau- und Verwendungsanleitung. Bei vollständigen Gerüsten gehört eine Kennzeichnung mit der Lastklasse an den Zugang.
Was bedeutet kN/m² auf der Baustelle?
Ein Kilonewton entspricht ungefähr 100 kg Gewichtskraft. Lastklasse 3 mit 2,00 kN/m² trägt also grob 200 kg je Quadratmeter Belag, gleichmäßig verteilt. Punktuelle Lasten wie eine Steinpalette sind gesondert zu betrachten.
Gelten die alten Gerüstgruppen nach DIN 4420 noch?
Für neue Planungen wird mit den Klassen nach DIN EN 12811-1 gearbeitet. Ältere Unterlagen nennen teilweise noch Gerüstgruppen. Wer solche Angaben findet, sollte die zugehörige Last je Quadratmeter vergleichen und im Zweifel beim Hersteller oder einem Fachbetrieb nachfragen.
Gerüst gesucht?
Fertige Pakete mit Teileliste finden Sie unter gebrauchte Gerüste und neue Gerüste, einzelne Teile unter Gerüstteile. Für Ihr Haus rechnet der Gerüstkalkulator Fläche, Stückliste und Preis.