Neue TRBS 2121 ist aus unserer Sicht nicht praxistauglich

Bundesverband/Innung Gerüstbau zum TRBS

ABZ: Herr Nachbauer, Frau Luther, seit Februar gilt die überarbeitete TRBS 2121. Schon während der Ausarbeitung hat diese in der Gerüstbaubranche für einigen Aufruhr gesorgt. Warum?

Nachbauer: Die Neufassung der TRBS 2121 setzt verstärkt auf technische Lösungen. Um diese Technik zu erwerben, müssen Betriebe erhebliche Investitionen tätigen. Je nach Unternehmensgröße kann das ein Millionenbetrag sein. Das verunsichert viele Betriebe und lässt sich vor allem auch nicht von heute auf morgen umsetzen. Auf der bauma gab es sicherlich schon einige interessante Ideen zu sehen. Hier gilt es aber noch zu klären, wie praxistauglich diese wirklich sind und was sie letztlich kosten.

ABZ: Verband und Innung haben sich in den vergangenen Jahren sehr kritisch zur Neufassung der TRBS 2121 geäußert. Ist das Ergebnis so problematisch ausgefallen wie befürchtet?

Nachbauer: Aus unserer Sicht ergibt sich aus der Neuregelung keine wesentliche Verbesserung der Arbeitssicherheit im Gerüstbau. Das grundlegende Problem liegt bereits darin, dass es keine differenzierten Daten zu den Unfällen gibt. Wenn man hier aber bereits kein genaues Bild hat, kann man schwerlich eine wirksame Prävention betreiben. Es wird z. B. schon nicht klar unterschieden, ob es sich um Unfälle von Nutzern oder Erstellern der Gerüste handelt, die Neuregelung betrifft aber vorrangig den Gerüstersteller. Das bedeutet, es ist derzeit völlig unklar, ob die nun zu ergreifenden Maßnahmen überhaupt etwas an der Unfallzahl ändern werden.

Viele Gerüstbauunternehmen sehen sich jetzt gezwungen, in technische Maßnahmen zu investieren. Daneben fehlt es aus meiner Sicht schlichtweg an Kontrollen. Die Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen muss aber vielmehr auch von Seiten der Berufsgenossenschaft geprüft werden. Ansonsten öffnet sich damit die Schere noch weiter zwischen den Betrieben, die nun massiv in technische Schutzmaßnahmen investieren, und jenen schwarzen Schafe, die nach wie vor nicht nach den Regeln spielen. Die Folge ist eine gravierende Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der Betriebe, die in den Arbeitsschutz investieren.

Sabrina Luther ist die Geschäftsführerin des Bundesverbandes und der Bundesinnung Gerüstbau

Sabrina Luther ist die Geschäftsführerin des Bundesverbandes und der Bundesinnung Gerüstbau

ABZ: Welche Punkte wurden aus Ihrer Sicht bei der Überarbeitung nicht berücksichtigt?

Nachbauer: Schon der Prozess der Überarbeitung war problematisch. Wir haben immer wieder auf unsere Kritikpunkte hingewiesen, letztlich haben wir aber nur eine Stimme in der Arbeitsgruppe. Was mir dabei gefehlt hat, war eine echte Auseinandersetzung mit der Sachkritik. Was uns am meisten stört, ist, dass die gesamte Verantwortung sehr stark auf den Gerüstbauer abgeladen wird. Ich würde mir hingegen wünschen, dass auch die Bauherren stärker in die Pflicht genommen werden. Beim Thema Arbeitssicherheit gehört für mich der Bauherr ganz klar mit ins Boot geholt. Wäre auch er für das Ignorieren von Arbeitsschutzvorschriften haftbar, dann würde hier auch nicht immer nur auf den niedrigsten Preis gezielt werden.

ABZ: Hat der Verband selbst einmal eine differenzierte Untersuchung der Arbeitsunfälle im Bereich Gerüst angestrebt?

Nachbauer: Wir bekommen weder die Zahl der gesamten Unfälle mitgeteilt, noch haben wir belastbare Daten zur jeweiligen Schwere und Art der Unfälle. Gerade die Unfallart spielt hier aber eine wesentliche Rolle. Seitens der Berufsgenossenschaft wurden uns immer wieder sehr unterschiedliche Zahlen präsentiert. Daraus ein genaues Bild der tatsächlichen Unfallhergänge und -ursachen herauszulesen, ist nicht möglich.

Luther: Wir haben bisher immer darauf gesetzt, dass die Berufsgenossenschaft BG Bau eine ordentliche Unfallanalyse durchführt. Sie verfügt schließlich über die vollständigen Daten der kompletten Branche. Wir sind hingegen angewiesen auf die freiwilligen Angaben unserer Mitglieder. Wir werden uns diesem Thema jedoch künftig verstärkt widmen, da die BG jetzt signalisiert hat, dass sie auf Unfallanalysen keinen Wert mehr legt.

ABZ: Als Grund für die Verschärfung der TRBS wird häufig angeführt, dass die bisherigen Regeln im Gerüstbau nicht oder kaum angewendet wurden. Trägt die Branche auch selbst Verantwortung an der aktuellen Situation?

Nachbauer: Unstrittig ist, dass es einige Gerüstbauer gibt, die in der Vergangenheit zu wenig oder in Einzelfällen gar nichts getan haben. Das fällt der Branche jetzt natürlich insgesamt auf die Füße, da die neue TRBS 2121 alle Unternehmen über einen Kamm schert. Das Problem besteht aus unserer Sicht aber nicht in den bestehenden Regeln sondern vielmehr in den kaum vorhandenen Kontrollen dieser Vorschriften.

ABZ:Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Ansatz gewesen, um die Sicherheit bei der Erstellung und Nutzung von Gerüsten zu erhöhen?

Nachbauer: Natürlich sind wir uns einig, dass etwas getan werden musste. Mit der neuen TRBS hat der Gesetzgeber jetzt den technischen Ansatz in den Vordergrund gestellt, obwohl der unstreitig in den wenigsten Einrüstungssituationen funktioniert. Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) unter hohe Anforderungen zu stellen erschwert den Arbeitsschutz im Gerüstbau ungemein. Denn ohne die PSA ist ein wirksamer Arbeitsschutz im Gerüstbau derzeit nicht denkbar. Wir vertreten nach wie vor einen ganzheitlichen Ansatz. Um effektiv Unfälle zu vermeiden ist es unerlässlich, genau nach den Unfallursachen zu unterscheiden und alle Baubeteiligten zu sensibilisieren.

ABZ: Wie haben die Betriebe selbst auf die neue TRBS 2121 reagiert?

Luther: Bei uns macht sich in erster Linie ein großer Informationsbedarf bemerkbar. Die Betriebe wollen begreifen, was sie jetzt Neues umsetzen müssen und welche Investitionen auf sie zukommen. Was so kurz nach der bauma aktuell noch fehlt, ist die Erfahrung mit den entsprechenden Lösungen der Hersteller. Nach wie vor, so das mehrheitliche Feedback der Anwender, kann ohne die PSA auf den meisten Baustellen nicht gearbeitet werden.

ABZ: Wie reagiert der Verband auf den entstandenen Informationsbedarf bei seinen Mitgliedern?

Nachbauer: Wir haben frühzeitig angefangen, über unsere Rundschreiben, in der Presse und in unseren internen Veranstaltungen darüber zu informieren, was kommen kann und kommen wird. Dabei versuchen wir, unseren Mitgliedern bestmöglich Hilfestellungen zu geben. Des Weiteren empfehlen wir den Betrieben, ein Arbeitsschutzmanagement-System einzuführen. Im Verband haben wir schon seit 2010 die Kooperation mit der Basiknet Gesellschaft für Arbeitsschutz für das Arbeitsschutzsiegel ASS-Gerüstbau. Dieses System ist speziell auf die Gerüstbaubranche zugeschnitten. Be-triebe, die das Siegel führen, haben ihre Pflicht, für eine geeignete Organisation ihres Arbeitsschutzes im Betrieb zu sorgen, nachweislich erfüllt. Und bieten damit auch Auftraggebern ein Mehr an Sicherheit.

Luther: Wir haben auch ganz neu eine Fachinformation „Gefährdungsbeurteilung“ erarbeitet, die wir auf der Bundesfachtagung erstmalig herausgeben. Auch unsere Fachregelwerke haben wir entsprechend aktualisiert und werden diese digital verteilen.

ABZ:Herr Nachbauer, seit fünf Jahren stehen Sie an der Spitze des Bundesverbands Gerüstbau. Kürzlich wurden Sie zudem zum Vorsitzenden der Bundesvereinigung Bauwirtschaft gewählt. Welche Vorteile ergeben sich für Sie aus dieser Doppelfunktion?

Nachbauer: Die Bundesvereinigung Bauwirtschaft ist der Zusammenschluss des deutschen Bau- und Ausbauhandwerks. In insgesamt 15 Verbänden vertritt sie die gemeinsamen, gewerkeübergreifenden Interessen der 370 000 Mitgliedsbetriebe gegenüber Politik, Sozialpartnern und Öffentlichkeit. Auf die neuen Aufgaben in dieser verantwortungsvollen Position freue ich mich, sie bedeuten gleichermaßen Ehre wie Herausforderung. Und auch für die Gerüstbau-Branche versprechen wir uns Vorteile mit dieser Position. Als verhältnismäßig „kleiner“ Verband rückt der Bundesverband Gerüstbau jetzt nicht nur näher an die anderen, in der BVB vertretenen Wirtschaftsverbände heran, sondern hat auch mehr Möglichkeiten, unser Gewerk öffentlichkeitswirksam zu positionieren.

ABZ: Ebenfalls ein heiß diskutiertes Thema für das gesamte Bauhandwerk ist der Kampf gegen den Fachkräftemangel. Wie unterstützt der Verband seine Mitglieder aktuell bei der Nachwuchsgewinnung?

Nachbauer: Das gesamte Bauhandwerk hat ein riesiges Nachwuchsproblem. Das betrifft natürlich auch das Gerüstbauer-Handwerk. Das liegt einerseits am demographischen Wandel, andererseits aber auch am Akademisierungstrend, der seit vielen Jahren herrscht. Darüber hinaus hat der Gerüstbau nach wie vor ein Imageproblem. Leider ist in vielen Köpfen der Gerüstbauer immer noch mit einem negativen Bild behaftet. Dass die Realität mittlerweile ganz anders aussieht, dass Gerüstbau seit langem schon Ausbildungs- und Meisterberuf ist, dass Themen wie der Arbeitsschutz und die Digitalisierung heute eine große Rolle im Gerüstbauer-Handwerk spielen, wird nach wie vor zu wenig gesehen.

Wir hatten hierzu bereits vor über sieben Jahren eine Imagekampagne aufgesetzt und den Betrieben entsprechende Hilfsmittel an die Hand gegeben. Wir müssen in diesem Bereich aber definitiv noch mehr tun. Deshalb haben wir im Beirat gemeinsam beschlossen, noch in diesem Jahr eine neue Kampagne zu starten, mit der wir in der Öffentlichkeit stärker und umfassender über das Berufsfeld informieren.

ABZ: Kann die Digitalisierung, die derzeit ja viel in der Baubranche diskutiert wird, dabei helfen, das Berufsfeld attraktiver für junge Menschen zu gestalten?

Nachbauer: Grundlegend ist die Digitalisierung kein gänzlich neues Thema für den Gerüstbau. So kommen bspw. in der Vermessung oder der Planung von Gerüstkonstruktionen mittels CAD schon länger digitale Methoden und Hilfsmittel zum Einsatz. Aktuell ist das Thema sehr präsent, insbesondere das sog. Building Information Modeling (BIM). Auch wir setzen uns natürlich intensiv damit auseinander. So haben wir zur Digitalisierung eigens eine Arbeitsgruppe gebildet, aber auch auf unseren Veranstaltungen befassen wir uns umfassend damit. Ich denke, es ist dennoch wichtig, sich mit der Digitalisierung differenziert auseinanderzusetzen.

Natürlich wird es immer wichtiger für die Betriebe, sich digital aufzustellen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es am Ende doch auf die Manpower vor Ort ankommt. Zudem bringt die Digitalisierung auch Risiken mit sich. Umso digitaler ich mein Geschäft aufstelle, desto angreifbarer bin ich auch – Stichwort Datenschutz bzw. Cyberkriminalität. Daher ist das Thema Cyber-Sicherheit auch ein Schwerpunkt unserer Bundesfachtagung. Gleichzeitig sind wir der Thematik gegenüber sehr aufgeschlossen und engagieren uns stark, entsprechende Maßnahmen für unser Gewerk mit zu entwickeln. Und ich denke, dass unsere Mitgliedsfirmen hier auch bereits gut aufgestellt sind.

ABZ: Wo sehen Sie weitere Potenziale für das Gerüstbauer-Handwerk, sich zu modernisieren?

Nachbauer: Insbesondere vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen wir uns dringend mit Themen wie der Ergonomie am Arbeitsplatz auseinandersetzen. Hier denke ich v. a. an das Thema Muskel-Skelett-Erkrankungen. Dagegen etwas zu tun, ist immens wichtig. Hier beschäftigen wir uns in einer eigenen Arbeitsgruppe u. a. mit Einsatzmöglichkeiten von Exoskeletten im Gerüstbauer-Handwerk. Diese unterstützen den Arbeiter bei schweren körperlichen Arbeiten mechanisch, bspw. beim Heben von Material über Kopf. Solche und andere Beispiele gibt es viele. Hier wird in den kommenden Jahren sicherlich noch einiges passieren.

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