Die Aufbau- und Verwendungsanleitung (AuV)
Regelausführung, Ankerraster, Lasten und Bauteile: Was die AuV des Herstellers regelt, wie Sie sie lesen und was gilt, wenn Ihr Gerüst davon abweicht.
Jedes Systemgerüst hat ein Handbuch. Im Gerüstbau heißt es Aufbau- und Verwendungsanleitung, kurz AuV. Es ist das wichtigste Dokument für alle, die das Gerüst aufbauen, prüfen oder darauf arbeiten. Wer die AuV kennt, weiß, wie das System in der Regel aufgebaut wird, wie viel es trägt und wo die Grenzen liegen. Wer sie nicht hat, baut nach Gefühl – und das ist bei einem Bauwerk, das Menschen in zehn Metern Höhe trägt, keine gute Grundlage.
Was ist die AuV, und wer erstellt sie?
Die AuV wird vom Hersteller des Gerüstsystems herausgegeben. Sie gehört zur Produktdokumentation, deren Inhalt die DIN EN 12810-1 für Fassadengerüste vorgibt, und sie ist eng mit der Zulassung beziehungsweise Bauartgenehmigung des DIBt verknüpft. Die Zulassung bestätigt, dass das System in den beschriebenen Ausführungen standsicher ist. Die AuV beschreibt diese Ausführungen in einer Form, mit der die Leute auf der Baustelle arbeiten können: mit Zeichnungen, Tabellen und Schritt-für-Schritt-Anweisungen.
Für den Anwender hat das eine wichtige Folge. Solange das Gerüst so aufgebaut wird, wie es die AuV als Regelausführung zeigt, ist kein eigener statischer Nachweis erforderlich. Die Berechnung hat der Hersteller schon gemacht. Die AuV ist damit gewissermaßen eine vorgerechnete Statik zum Nachbauen.
Was steht in einer AuV?
Jeder Hersteller gliedert seine Anleitung etwas anders, auch der Umfang schwankt. Die folgenden Inhalte finden Sie aber in nahezu jeder Anleitung.
Bauteilübersicht
Eine Liste aller Systembauteile mit Bezeichnung, Abmessungen und meist auch Gewicht und Artikelnummer. Hier sehen Sie, welche Teile zum System gehören. Das ist beim Nachkauf und beim Abgleich eines gebrauchten Bestands hilfreich. Oft sind auch die Kennzeichnungen abgebildet, an denen man zugelassene Bauteile erkennt.
Regelausführung
Das Herzstück: Zeichnungen des Standardgerüsts, meist als Fassadengerüst in verschiedenen Varianten. Unterschieden wird typischerweise nach Breite, nach Feldlänge, nach Bekleidung (unbekleidet, mit Netzen, mit Planen) und nach Zusatzbauteilen wie Konsolen oder Schutzdach. Für jede Variante ist festgelegt, bis zu welcher Höhe sie zulässig ist und wie sie ausgesteift und verankert werden muss.
Ankerraster und Ankerkräfte
Die AuV zeigt, in welchen Abständen Gerüsthalter gesetzt werden – horizontal und vertikal – und welche Kräfte sie in die Fassade übertragen müssen. Das Raster wird mit Netzen und Planen deutlich enger, weil die Windlast steigt. Aus den Ankerkräften ergibt sich, welche Dübel geeignet sind und ob ein Ausziehversuch am Bauwerk nötig ist. Mehr dazu im Ratgeber Gerüst verankern.
Lasten und Klassen
Tabellen zeigen, welche Lastklasse mit welchem Belag in welcher Feldlänge erreicht wird. Ein Feld mit 3,07 m Länge kommt dabei meist auf eine niedrigere Lastklasse als ein Feld mit 2,07 m. Die Einteilung erklärt die Seite Gerüstklassen.
Aufbau- und Abbaufolge
Die Reihenfolge der Montageschritte, angefangen bei Fußspindeln und Ausrichten der ersten Lage. Dazu gehört, wie man sich beim Aufbau gegen Absturz sichert: mit vorlaufendem Seitenschutz, einem Montagesicherungsgeländer oder persönlicher Schutzausrüstung. Für den Abbau gilt die umgekehrte Reihenfolge, wobei Anker erst entfernt werden, wenn die Lage darüber abgebaut ist.
Ergänzungen und Sonderbauteile
Konsolen für Verbreiterungen, Gitterträger zur Überbrückung von Einfahrten, Schutzdach, Dachfang, Treppentürme, Fußgängerdurchgänge. Für jedes dieser Bauteile beschreibt die AuV, wie es angeschlossen wird und welche zusätzlichen Anker oder Diagonalen nötig sind.
Grenzen und Hinweise
Zulässiger Spindelauszug, maximale Gerüsthöhe der Regelausführung, Anforderungen an den Untergrund, Abstand zur Wand, Hinweise zur Prüfung und zum Umgang mit beschädigten Teilen.
Wie Sie mit der AuV arbeiten
Die AuV ist kein Dokument zum einmaligen Durchblättern. Bewährt hat sich dieser Ablauf:
- Vor der Planung: Variante wählen, die zur Fassade, zur Höhe und zur geplanten Bekleidung passt. Prüfen, ob das Gebäude überhaupt in die Regelausführung passt.
- Vor der Bestellung: Materialliste aus der Variante ableiten. Wie viele Diagonalen je Feldreihe, welche Ankerzahl, welche Zusatzteile?
- Beim Aufbau: AuV auf der Baustelle griffbereit haben, gedruckt oder auf dem Tablet. Die Kolonne arbeitet die Aufbaufolge Schritt für Schritt ab.
- Bei der Prüfung: Die AuV ist der Maßstab, an dem die befähigte Person das fertige Gerüst misst. Siehe dazu den Ratgeber Gerüstprüfung.
Warum Sie beim Gebrauchtkauf nach der AuV fragen sollten
Gebrauchtes Gerüstmaterial wechselt oft mehrfach den Besitzer. Dabei geht die Anleitung leicht verloren. Das ist kein Grund, auf Gebrauchtware zu verzichten, aber ein Grund, beim Kauf genau hinzusehen:
- Systemzugehörigkeit klären: Die AuV gilt nur für das System, für das sie geschrieben wurde. Der Verkäufer sollte sagen können, um welches System es sich handelt. Gebrauchte Systeme, die wir im Lager führen, etwa Layher Blitz, Plettac SL, Hünnebeck Bosta oder Layher Allround, sind nach System sortiert.
- Baureihe beachten: Hersteller entwickeln ihre Systeme weiter. Ältere Bauteile können sich in Details unterscheiden, und nicht jede alte Ausführung ist in der aktuellen Zulassung enthalten. Die Kennzeichnung am Bauteil gibt Hinweise.
- Anleitung beschaffen: Viele Hersteller stellen die AuV ihrer Systeme zum Herunterladen bereit oder schicken sie auf Anfrage. Klären Sie vor dem Kauf, ob Sie an eine passende Fassung kommen.
- Vollständigkeit prüfen: Mit der Bauteilübersicht der AuV lässt sich abgleichen, ob alle Teile für die geplante Ausführung vorhanden sind.
Hilfe beim Erkennen eines Systems bietet der Ratgeber Welches Gerüstsystem habe ich?
Basispaket oder komplett nach AuV?
Bei unseren gebrauchten Gerüsten unterscheiden wir zwei Ausstattungen. Das Basispaket enthält die tragenden Teile, Beläge, Geländer, Diagonalen und Anker. Bordbretter sind nicht in jedem Feld dabei, ein Durchstieg fehlt. Das reicht für viele Einsätze, in denen Sie Bestand ergänzen oder Teile anders nutzen. Das Paket komplett nach AuV enthält dagegen alles, was für eine Regelausführung nach Anleitung nötig ist, einschließlich Bordbrettern und Durchstiegen. Wer ohne eigenen Bestand ein vollständiges Fassadengerüst aufbauen will, ist mit der kompletten Ausstattung auf der sicheren Seite. Die Fotos bei unseren Paketen sind Beispielfotos aus dem gemischten Lager.
Was gilt bei Abweichungen von der Regelausführung?
Kaum ein Gebäude ist ein perfekter Quader. Erker, Balkone, Vordächer, Rundungen oder ein zu weicher Ankergrund zwingen oft dazu, vom Schema abzuweichen. Dann sind drei Fälle zu unterscheiden.
| Fall | Beispiel | Was zu tun ist |
|---|---|---|
| Variante steht in der AuV | Innenkonsole am Balkon, Gitterträger über der Einfahrt | Nach der beschriebenen Variante aufbauen, keine weitere Berechnung |
| Kleine Abweichung, beurteilbar | Einzelner Anker versetzt, weil an der Stelle ein Fenster sitzt | Befähigte Person beurteilt anhand der AuV, ob die Standsicherheit gewahrt bleibt, und dokumentiert das |
| Abweichung außerhalb der Regel | Größere Höhe, weiteres Ankerraster, Planen ohne passende Variante, freistehende Bereiche | Standsicherheitsnachweis im Einzelfall und eigener Aufbau- und Verwendungsplan |
Den Einzelnachweis erstellt in der Regel ein Statiker oder ein Gerüstbaubetrieb mit entsprechender Erfahrung. Das Ergebnis ist ein Plan, der für genau dieses Gerüst an genau dieser Stelle gilt. Er wird wie die AuV auf der Baustelle bereitgehalten und ist Grundlage der Prüfung.
Eine besondere Abweichung ist das Mischen von Bauteilen verschiedener Hersteller. Die AuV eines Systems deckt nur dessen eigene Bauteile ab. Was das für Bestände aus mehreren Quellen bedeutet, steht im Ratgeber Gerüstteile mischen.
AuV bei neuen Systemen
Auch bei neuen Gerüsten ist die AuV Teil der Lieferung. Das Rahmengerüst CETRAC SPEED hat eine Zulassung, die Lieferzeit nennen wir auf Anfrage. Für das Modulgerüst CETRAC MODUX und das Stielgerüst CETRAC MGS, dessen vorlaufender Seitenschutz bereits eingebaut ist, gilt: lieferbar ab 2027, DIBt-Zulassungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Bis die Zulassung vorliegt, braucht es in Deutschland für diese Systeme einen Standsicherheitsnachweis im Einzelfall.
Wer die AuV kennen muss
Nicht nur der Kolonnenführer. Die Monteure brauchen die Aufbaufolge und die Regeln zur Absturzsicherung beim Aufbau. Die befähigte Person, die das Gerüst prüft, braucht die Zeichnungen der gewählten Variante. Und der Betrieb, der auf dem Gerüst arbeitet, sollte zumindest wissen, welche Lastklasse freigegeben ist und welche Bauteile er nicht anfassen darf. Eine kurze Einweisung vor Arbeitsbeginn spart später viele Rückfragen.
So lesen Sie die Tabellen der AuV
Viele Anwender scheitern nicht am Inhalt, sondern an der Form. Die Tabellen der Regelausführung sind dicht gepackt. Ein Beispiel, wie man sich durcharbeitet:
- Variante suchen: Sie wollen ein 0,73 m breites Gerüst mit 2,57-m-Feldern ohne Bekleidung vor einer geschlossenen Fassade aufbauen. Suchen Sie die Seite, die genau diese Kombination zeigt.
- Höhe prüfen: Die Variante ist bis zu einer bestimmten Gerüsthöhe freigegeben. Liegt Ihr Gebäude darüber, brauchen Sie eine andere Variante oder einen Nachweis.
- Ankerraster ablesen: In der Zeichnung ist markiert, an welchen Stielen und in welchen Lagen Gerüsthalter sitzen. Oft gibt es unterschiedliche Raster für die oberste Lage und für die Randfelder.
- Aussteifung ablesen: Wie viele Felder müssen je Feldreihe mit Diagonalen versehen werden, und in welcher Anordnung?
- Lastklasse prüfen: In der Belagtabelle nachsehen, welche Klasse Ihr Belag in 2,57 m erreicht.
- Zusatzteile ergänzen: Konsolen, Schutzdach oder Durchgangsrahmen haben eigene Seiten mit eigenen Anforderungen.
Wer diesen Weg einmal für das eigene System gegangen ist, findet sich beim nächsten Mal schnell zurecht.
Typische Fehler im Umgang mit der AuV
- Falsche Anleitung: Es wird die Anleitung eines ähnlichen Systems oder einer anderen Baureihe benutzt.
- Variante verwechselt: Das Gerüst wird nach der Tabelle für unbekleidete Gerüste verankert, später kommen Netze dazu.
- Randbedingungen überlesen: Hinweise zum Untergrund, zum Spindelauszug oder zur Ankerkraft stehen im Kleingedruckten und werden übersehen.
- Anleitung im Büro: Auf der Baustelle weiß niemand, was drinsteht, und es wird aus Gewohnheit gebaut.
Kurzcheck: Ist Ihr Gerüst AuV-gerecht?
- Liegt die AuV für genau dieses System vor, in einer zur Baureihe passenden Fassung?
- Stammen alle Bauteile aus diesem System?
- Entspricht die gewählte Variante der Höhe, der Breite und der Bekleidung?
- Ist das Ankerraster eingehalten, auch nach dem Anbringen von Netzen?
- Werden die Lastklassen der verwendeten Feldlängen nicht überschritten?
- Gibt es Stellen, an denen vom Schema abgewichen wurde, und sind sie beurteilt oder nachgewiesen?
- Ist die Anleitung auf der Baustelle verfügbar?
Lautet eine Antwort „nein“ oder „weiß nicht“, sollten Sie das klären, bevor jemand auf das Gerüst steigt.
Häufige Fragen
Wo bekomme ich die AuV für mein Gerüst?
In erster Linie beim Hersteller des Systems. Viele Hersteller bieten die Anleitungen zum Herunterladen an oder senden sie auf Anfrage. Beim Gebrauchtkauf lohnt es sich, schon vorher zu klären, welches System und welche Baureihe vorliegt.
Ist die AuV dasselbe wie die Zulassung?
Nein, aber beide hängen zusammen. Die Zulassung oder Bauartgenehmigung des DIBt bestätigt die Standsicherheit des Systems. Die AuV beschreibt in praktischer Form, wie das zugelassene System aufgebaut und benutzt wird.
Darf ich ein Gerüst ohne AuV aufbauen?
Ohne Anleitung fehlt die Grundlage für Ankerraster, Aussteifung und Lasten. Dann bliebe nur ein eigener Standsicherheitsnachweis durch einen Fachmann. Praktisch heißt das: Besorgen Sie die AuV, bevor Sie aufbauen.
Was ist eine Regelausführung?
Gemeint ist eine Standardvariante, deren Standsicherheit bereits durch den Hersteller belegt ist und die in der AuV beschrieben wird. Wer sich daran hält, braucht keine eigene Statik. Weicht man davon ab, muss die Abweichung beurteilt oder nachgewiesen werden.
Gilt die AuV auch für gebrauchte Teile?
Ja, sofern die Teile zum System gehören, unbeschädigt sind und von der Zulassung erfasst werden. Beschädigte oder systemfremde Teile sind nicht abgedeckt und gehören nicht ins Gerüst.
Gerüst gesucht?
Fertige Pakete mit Teileliste finden Sie unter gebrauchte Gerüste und neue Gerüste, einzelne Teile unter Gerüstteile. Für Ihr Haus rechnet der Gerüstkalkulator Fläche, Stückliste und Preis.