Aufbau & Technik · 9 Min. Lesezeit

Netz oder Plane? Gerüstbekleidung richtig planen

Bekleidung verändert die Statik eines Gerüsts. Welche Kennwerte die Zulassung vorgibt, welche Anforderungen die DGUV an Planen und Gewebe stellt und wie Sie Anker und Material vorab abstimmen.

Netze und Planen machen aus einem luftigen Stahlgerüst eine Fläche, in die der Wind greift. Deshalb muss die Bekleidung vor dem Aufbau geplant werden: Sie erhöht die Windlast, verlangt meist ein engeres Ankerraster mit höheren Ankerkräften und ist nur zulässig, wenn die Zulassung oder ein eigener Nachweis die gewählte Variante abdeckt. Planen und Gewebe müssen nach DGUV Information 201-011 je 5 cm Streifen wenigstens 0,5 kN aushalten und gegen UV-Strahlung stabilisiert sein. Soll die Bekleidung ein Schutzdach ersetzen, dürfen Öffnungen höchstens 4 cm² groß sein.

Wie Sie sich bei aufziehendem Sturm verhalten, beschreibt der Ratgeber Gerüst bei Sturm, Gewitter, Frost und Hitze. Dieser Beitrag setzt früher an: bei der Auswahl der Bekleidung und den statischen Folgen.

Warum Bekleidung die Statik verändert

Ohne Bekleidung findet der Wind am Gerüst nur die Fläche von Rohren, Beläge und Geländer. Der größte Teil der Luft strömt hindurch. Mit einem Netz wird ein Teil davon abgebremst, mit einer Plane fast alles. Die Kraft, die dabei entsteht, wandert über die Ständer in die Gerüsthalter und von dort in die Fassade. Genau deshalb sind bekleidete Gerüste in Zulassungen als eigene Varianten mit eigenen Ankerrastern und Ankerkräften geführt.

Auch die Gerüstbezeichnung nach DIN EN 12810 spiegelt das wider: Ein Kennbuchstabe zeigt, ob ein System für Bekleidung bemessen ist (B) oder nur unbekleidet (A). Wer ein Gerüst kauft oder mietet, sollte also schon an dieser Stelle wissen, ob später Netze oder Planen geplant sind.

Netz oder Plane: der Vergleich

KriteriumGerüstnetzGerüstplane
Durchlässigkeitluftdurchlässig, je nach Maschenweiteweitgehend geschlossen
Windlasterhöhtstark erhöht
Ankerrasterenger als unbekleidetin der Regel am engsten
Schutz vor Farbnebel und Staubteilweiseweitgehend
Witterungsschutz für die Arbeitsflächegeringhoch
Licht auf dem Gerüstgutje nach Material eingeschränkt
Ersatz für Schutzdach möglichnur bei sehr kleinen Öffnungenja, bei dichter Ausführung

Ein Malerbetrieb, der Fassadenfarbe aufsprüht, kommt mit einem Netz oft aus. Wer Sandstrahlarbeiten macht, eine Fassade im Winter putzt oder Staub vom Nachbargrundstück fernhalten muss, braucht eher eine Plane. Die Wahl hat dabei direkte Folgen für die Zahl der Anker, die Bohrarbeiten an der Fassade und die Dauer des Aufbaus.

Kennwerte aus der Zulassung

Welche Bekleidung an einem Systemgerüst zulässig ist, regelt dessen DIBt-Zulassung beziehungsweise die Aufbau- und Verwendungsanleitung. Ein ausgewerteter Bescheid für ein Stahl-Rahmengerüst zeigt, welche Größen dort typischerweise stehen. Die Zahlen gelten nur für dieses Beispiel, das Prinzip lässt sich übertragen.

Kraftbeiwert bei Netzen

Der Kraftbeiwert beschreibt, wie stark Netz und Gerüst zusammen dem Wind Widerstand leisten. Im Beispiel ist die Netzbekleidung nur nachgewiesen, wenn dieser Wert senkrecht zur Fassade 0,6 und parallel dazu 0,2 nicht übersteigt. Ein dichteres Netz mit höherem Kraftbeiwert fällt aus der Regelausführung heraus.

Porosität bei Planen

Planen sind im Beispiel nur abgedeckt, wenn die Konstruktion samt Plane eine Porosität von wenigstens 1 % hat. Eine völlig luftdichte Folie liegt außerhalb dieses Rahmens und braucht einen eigenen Nachweis.

Fassade und Standzeit

Die Regelausführung des Beispiels ist vor geschlossener Fassade und vor einer Fassade bemessen, deren Öffnungsanteil 60 % nicht übersteigt. Für die Windlast wurde ein Standzeitfaktor von 0,7 angesetzt, der eine Standzeit von höchstens zwei Jahren voraussetzt. Steht ein bekleidetes Gerüst länger, etwa bei einer langwierigen Sanierung, reichen die Tabellen nicht mehr aus.

Anforderungen an das Material

Unabhängig vom Gerüstsystem stellt die DGUV Information 201-011 Mindestanforderungen an Planen und Gewebe:

  • Reißfestigkeit: mindestens 0,5 kN je 5 cm Streifenbreite,
  • UV-Stabilität: das Material muss UV-stabilisiert sein, weil es sonst unter Sonnenlicht spröde wird und reißt,
  • Öffnungen bei Schutzdach-Ersatz: je Öffnung maximal 4 cm² bei einer größten Seitenlänge von 2,5 cm, was ebenso für Überlappungen gilt; zusätzlich dicht an den Ständern und bis zum Bauwerk geführt.

Für Einkäufer heißt das: Lassen Sie sich die Reißfestigkeit und die UV-Stabilisierung im Datenblatt bestätigen. Fragen Sie außerdem nach Angaben zu Kraftbeiwert beziehungsweise Porosität, damit der Gerüstbauer prüfen kann, ob das Produkt zur Zulassung seines Systems passt. Ein günstiges Netz ohne diese Angaben spart beim Kauf, kostet aber bei der Planung, weil niemand seine Wirkung auf das Gerüst beurteilen kann.

Verankerung bekleideter Gerüste

Engeres Ankerraster

Zulassungen nennen verschiedene Ankerraster. Im Beispielbescheid reichen sie von 8 m versetzt über 4 m durchgehend bis zu 2 m, also einem Anker an jedem Knoten. Welches Raster für welche Bekleidung und Höhe gilt, steht in den Tabellen der jeweiligen AuV. Als Faustregel gilt: Je dichter die Bekleidung, desto enger das Raster.

Anker am Knoten

Anker gehören in die Nähe der Knotenpunkte. Der Beispielbescheid toleriert bis zu 30 cm Versatz einer Ankerebene gegenüber dem Knoten – mit Planen ist dieser Spielraum gestrichen. Wer Planen plant, muss also schon bei der Lage der Gerüsthalter genauer arbeiten.

Unterste Ebene koppeln

Mit Planen verlangt der Beispielbescheid, die Ständer ganz unten zusätzlich zu koppeln, und zwar rund einen Meter oberhalb der Spindeln mit Längsriegeln oder Geländerholmen. So verteilt sich der Winddruck am Fuß besser.

Ankerkräfte und Probebelastung

Höhere Ankerkräfte haben eine Folge, die oft übersehen wird. Die DGUV erlaubt den Verzicht auf einen Tragfähigkeitsnachweis der Dübel nur, wenn eine befähigte Person den Ankergrund beurteilen kann und die Kraft senkrecht zur Fassade höchstens 1,5 kN beträgt, bei Stahlbeton höchstens 6,0 kN. Bei bekleideten Gerüsten wird diese Grenze schneller überschritten. Dann sind Probebelastungen nötig: mit dem 1,2-Fachen der geforderten Ankerkraft, in Beton an wenigstens 10 %, in anderen Ankergründen an wenigstens 30 % aller Dübel; weniger als fünf Prüfungen sind nie zulässig. Wie Verankerung im Detail funktioniert, erklärt der Ratgeber Gerüst verankern.

Was nicht bekleidet werden darf

Nicht jedes Bauteil eines Gerüsts verträgt Bekleidung. Im Beispielbescheid dürfen vorgestellte Treppentürme nur unbekleidet verwendet werden. Ein Treppenturm steht vor dem eigentlichen Gerüst, ist schmal und hat eine eigene Verankerung. Eine Plane würde ihn wie ein Segel belasten. Ähnliche Einschränkungen kann es für Konsolen, Überbrückungen oder freistehende Bereiche geben. Prüfen Sie die AuV gezielt auf solche Hinweise, bevor die Bekleidung bestellt wird.

Rechenweg: Wie viele Anker kommen dazu?

Ein vereinfachtes Beispiel zeigt die Größenordnung. Eine Fassade ist 20 m lang und 12 m hoch. Angenommen, die AuV des Systems sieht unbekleidet ein Raster von 8 m versetzt vor und mit Netz eines von 4 m durchgehend. Bei einer Feldlänge von 2,50 m stehen 9 Ständerreihen entlang der Fassade.

  • Unbekleidet, 8 m versetzt: Je Ständerreihe ein Anker alle 8 m Höhe, benachbarte Reihen um 4 m versetzt, dazu die zusätzlichen Anker am Rand und in der obersten Lage nach AuV.
  • Mit Netz, 4 m durchgehend: Jede Ständerreihe alle 4 m Höhe. Allein in der Fläche verdoppelt sich die Ankerzahl damit grob.

Rechnen Sie für Ihr eigenes Objekt immer mit den Tabellen Ihres Systems. Das Beispiel soll nur zeigen, warum die Entscheidung für eine Bekleidung in die Angebotsphase gehört und nicht in die zweite Woche der Standzeit.

Wer die Bekleidung anbringt

Anker, Beläge und Seitenschutz darf nur der Gerüstersteller verändern. Da die Bekleidung die Statik betrifft, gehört sie ebenfalls in seine Hand und in seine Montageanweisung. Nutzer, etwa ein Malerbetrieb, sollten Netze nicht auf eigene Faust einhängen. Nach dem Anbringen und nach jeder Änderung an der Bekleidung lohnt ein Blick der befähigten Person, ob Anker und Bekleidung zusammenpassen.

Das gilt auch am Ende der Standzeit. Wird die Bekleidung vor dem Rückbau abgenommen, sinkt zwar die Windlast, an der Reihenfolge ändert das aber nichts: Anker werden fortlaufend mit dem Abbau entfernt, nicht vorab in einem Zug. Wer erst alle Halter löst und dann die Planen abnimmt, hat für kurze Zeit ein bekleidetes Gerüst ohne ausreichende Verankerung.

Wind und Sturm

Eine feste Windgeschwindigkeit, ab der die Arbeit am Gerüst enden muss, gibt das deutsche Arbeitsschutzrecht nicht vor. Die Grenze legt der Arbeitgeber in seiner Gefährdungsbeurteilung fest. Hersteller erlauben den Auf- und Abbau typischerweise nur bis Windstärke 5 bis 6. Für bekleidete Gerüste ist die Frage besonders wichtig. Nach Sturm, Starkregen oder Vereisung ist eine außerordentliche Prüfung durch eine befähigte Person fällig.

Werbebanner und Teilbekleidung

Nicht nur Netze und Planen über die ganze Fläche zählen. Ein großes Werbebanner am Gerüst wirkt statisch wie ein Stück Plane, oft sogar an der ungünstigsten Stelle, nämlich oben und außen. Auch eine Teilbekleidung, etwa nur in den unteren Lagen gegen Staub zur Straße hin, verändert die Lastverteilung. Behandeln Sie solche Fälle wie eine vollständige Bekleidung: Variante in der AuV suchen, Anker anpassen, im Zweifel einen Nachweis führen lassen.

Typische Fehler bei der Bekleidung

  • Netz auf Zuruf: Der Maler bringt am dritten Tag Netze mit, das Ankerraster bleibt wie für ein unbekleidetes Gerüst.
  • Falsches Produkt: Ein dichtes Gewebe wird als „Netz“ eingekauft, liegt aber mit seinem Kraftbeiwert außerhalb der Zulassung.
  • Ohne Datenblatt: Reißfestigkeit und UV-Stabilisierung sind nicht belegt, das Material versprödet nach einigen Monaten Sonne.
  • Lücken an Stößen: Die Bekleidung soll ein Schutzdach ersetzen, an den Überlappungen bleiben aber Spalten über 2,5 cm.
  • Treppenturm eingepackt: Aus optischen Gründen wird auch der vorgestellte Treppenturm bekleidet, obwohl die AuV das nicht vorsieht.
  • Standzeit überschritten: Das bekleidete Gerüst steht länger, als die Annahmen der Zulassung zulassen, ohne dass jemand die Statik neu betrachtet.

Checkliste für die Planung

  • Zweck der Bekleidung festgelegt: Staub, Farbnebel, Witterung, Schutzdach-Ersatz?
  • Netz oder Plane gewählt und in der Zulassung als Variante vorhanden?
  • Kraftbeiwert oder Porosität des Produkts bekannt und passend?
  • Reißfestigkeit mindestens 0,5 kN je 5 cm und UV-Stabilität belegt?
  • Ankerraster und Ankerkräfte für die Bekleidung ermittelt, Probebelastungen eingeplant?
  • Treppentürme und andere Bauteile ohne Bekleidung gekennzeichnet?
  • Standzeit unter der Annahme der Zulassung?

Quellen

  • DGUV, Januar 2023: Verwendung von Arbeits-, Schutz- und Montagegerüsten (DGUV Information 201-011), Abschnitte 4.9 und 6.6
  • DIBt-Bescheid Z-8.1-990, Stahl-Rahmengerüst, Anlage B (nur als Beispiel für Kennwerte) – Deutsches Institut für Bautechnik, Stand 03.03.2026
  • KomNet-Dialog 42648 zur Windgeschwindigkeit bei Gerüstarbeiten – KomNet NRW, 25.03.2019

Häufige Fragen

Braucht ein Gerüst mit Netz mehr Anker?

In der Regel ja. Netze erhöhen die Windlast, deshalb sehen Zulassungen für bekleidete Gerüste engere Ankerraster und höhere Ankerkräfte vor. Maßgeblich sind die Tabellen der jeweiligen AuV.

Wie reißfest muss eine Plane am Gerüst sein?

Gefordert sind wenigstens 0,5 kN je 5 cm Streifenbreite, so steht es in der DGUV Information 201-011. Außerdem muss das Gewebe UV-stabilisiert sein.

Darf ich an jedes Gerüst eine Plane hängen?

Nein. Die Plane muss in der Zulassung des Systems als Variante abgedeckt sein oder durch einen eigenen Standsicherheitsnachweis. Im ausgewerteten Beispielbescheid müssen Planen zum Beispiel eine Mindestporosität von 1 % erreichen.

Kann eine Gerüstplane das Schutzdach ersetzen?

Das ist zulässig, sofern die Plane eng an den Ständern anliegt und lückenlos bis zur Fassade geführt ist. Keine Öffnung darf größer als 4 cm² sein oder eine Seite über 2,5 cm haben.

Dürfen Treppentürme bekleidet werden?

Das hängt von der Zulassung ab. Im ausgewerteten Beispiel dürfen vorgestellte Treppentürme nur unbekleidet verwendet werden. Prüfen Sie die AuV Ihres Systems.

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