Montageanweisung für das Gerüst: was hineingehört und wer sie schreibt
Grundmaße, Klassen, Aufstellgrund, Anker, Zugänge, Namen: Welche Punkte die projektbezogene Montageanweisung abdecken muss und wie Sie das DGUV-Muster sinnvoll ausfüllen.
Die Montageanweisung ist der schriftliche Plan für Auf-, Um- und Abbau eines bestimmten Gerüsts an einer bestimmten Baustelle. Gefordert wird dieser Plan von der Betriebssicherheitsverordnung in Anhang 1 Nr. 3.2; welche Angaben hineingehören, regeln TRBS 2121 Teil 1 sowie DGUV Information 201-011. Verfasst wird er vom Gerüstersteller oder von dessen fachkundiger Person, und er muss der Aufsicht und der Kolonne am Einsatzort vorliegen. Ein DGUV-Muster in Anhang 7.1 der DGUV Information 201-011 erleichtert das Ausfüllen.
Dieser Ratgeber richtet sich an Gerüstbaubetriebe und Kolonnenführer. Er zeigt, welche Punkte Pflicht sind, wie Sie sie für ein reales Objekt beantworten und wo in der Praxis Lücken entstehen.
Montageanweisung und AuV: zwei Dokumente, zwei Aufgaben
Auf Baustellen werden beide Papiere oft in einen Topf geworfen. Die Aufbau- und Verwendungsanleitung stammt vom Hersteller und beschreibt das Gerüstsystem allgemein: Bauteile, Regelausführungen, Ankerraster, Lasttabellen. Sie gilt für jede Fassade, an der das System steht. Die Montageanweisung dagegen übersetzt diese allgemeinen Vorgaben auf ein Objekt. Sie beantwortet Fragen, die der Hersteller nicht kennen kann: Wie lang ist die Fassade? Steht das Gerüst auf Pflaster oder auf Rasen? Wo liegt der Zugang? Wer führt die Aufsicht?
| Merkmal | Aufbau- und Verwendungsanleitung | Montageanweisung |
|---|---|---|
| Verfasser | Hersteller des Systems | Gerüstersteller bzw. dessen fachkundige Person |
| Bezug | Gerüstsystem, alle Einsatzorte | ein Objekt, ein Einsatz |
| Inhalt | Bauteile, Regelausführung, Lasten, Ankerkräfte | Maße, Klassen, Untergrund, Zugänge, Anker, Transport, Namen |
| Zeitpunkt | liegt mit dem System vor | vor jedem Aufbau, bei Umbau fortgeschrieben |
Die Montageanweisung ersetzt die AuV nicht, sie stützt sich auf sie. Was die Herstelleranleitung im Einzelnen regelt, beschreibt der Ratgeber Aufbau- und Verwendungsanleitung.
Rechtsgrundlage in Deutschland
Drei Regelwerke greifen ineinander:
- BetrSichV, Anhang 1 Nr. 3.2: Hier steht die Grundpflicht. Gerüste dürfen nur nach einem Plan und unter Aufsicht einer fachkundigen Person durch unterwiesene Beschäftigte auf-, um- und abgebaut werden. Weicht ein Gerüst von der Regelausführung ab, ist zusätzlich eine Berechnung erforderlich.
- TRBS 2121 Teil 1 (Ausgabe 2019): Die technische Regel zählt in Abschnitt 4.1.2 auf, welche Angaben der Plan enthalten soll.
- DGUV Information 201-011 (Stand 2023): Sie erläutert die Inhalte in Abschnitt 4.2.3 und liefert das Muster in Anhang 7.1.
Achten Sie darauf, mit den aktuellen Fassungen zu arbeiten. Im Netz kursieren noch Texte zur TRBS-Fassung von 2009 und zur DGUV-Handlungsanleitung von 2011, die beide ersetzt sind.
Wer die Montageanweisung erstellt
Zuständig ist der Gerüstersteller. Je nachdem, wie anspruchsvoll das Gerüst ist, schreibt er sie selbst oder überträgt die Aufgabe an seine fachkundige Person. Als fachkundig nennt die DGUV zum Beispiel Gerüstbaumeister, Gerüstbau-Montageleiter, geprüfte Obermonteure, Kolonnenführer und Poliere. Dieselben Personen erstellen auch den Plan für den Gebrauch und führen die Aufsicht beim Aufbau.
Der Umfang richtet sich nach dem Objekt. Für ein Fassadengerüst in Regelausführung vor einer glatten Wand genügen wenige Seiten mit Skizze. Sobald das Gerüst von der Regelausführung abweicht, etwa durch ein anderes Ankerraster, größere Höhe oder Planen ohne passende Variante, gehört der Standsicherheitsnachweis im Einzelfall dazu. Die DGUV lässt dafür auch Bemessungstabellen des Herstellers zu.
Die Pflichtinhalte im Einzelnen
Die folgende Gliederung folgt den Punkten aus TRBS 2121-1 und DGUV 201-011. Für jeden Punkt steht dabei, was Sie konkret eintragen.
Grundmaße und Gerüstbauart
Länge, Höhe und Breite des Gerüsts sowie die Bauart, also Fassadengerüst, Raumgerüst, Schutzdach oder Fanggerüst, und das verwendete System. Eine maßstäbliche Skizze der Ansicht spart viele Worte.
Last- und Breitenklasse
Die Klassen ergeben sich aus den geplanten Arbeiten. Putz- und Malerarbeiten brauchen nach DGUV mindestens Lastklasse 3 und Breitenklasse W06, Mauerarbeiten mit Materiallagerung mindestens Lastklasse 4 und W09. Tragen Sie die Klasse ein, die der Auftraggeber bestellt hat, nicht die, die das Material zufällig hergibt. Die Einteilung erklärt die Seite Gerüstklassen.
Aufstellgrund
Beschreiben Sie, worauf das Gerüst steht: Beton, Pflaster, gewachsener Boden, Auffüllung oder ein Bauteil wie ein Garagendach. Vermerken Sie Schächte, Kanäle und Zisternen. Bei Auffüllungen und Dachkonstruktionen muss der Bauherr die Tragfähigkeit nachweisen; dieser Nachweis gehört als Anlage dazu.
Abstände zu Gebäude und Traufe
Der Wandabstand entscheidet über den Innenschutz. Ist der Spalt vom Belag bis zur Fassade größer als 0,30 m, braucht die Innenseite Seitenschutz oder eine Konsole. Für Dacharbeiten zählt außerdem, wie die oberste Lage zur Traufe liegt.
Zugänge
Lage und Art der Aufstiege. Spätestens nach 50 m muss jeder Arbeitsplatz einen sicheren Zugang haben. Ab 5 m Aufstiegshöhe haben Treppen Vorrang vor Leitern, der Platz für einen Treppenturm muss also früh eingeplant werden.
Bekleidung
Ob Netze oder Planen vorgesehen sind und nach welcher Variante der AuV. Bekleidung erhöht die Windlast und verändert damit Ankerraster und Ankerkräfte. Wer sie erst nachträglich anhängt, hat den Plan nicht erfüllt.
Verankerung oder Ballast
Ankerraster, Ankerkräfte, Art der Befestigungsmittel und, falls nötig, der Umfang der Probebelastungen. Ballast ist nur aus festen Stoffen wie Beton- oder Stahlgewichten zulässig, nicht aus Wasserbehältern oder Schüttgut.
Vertikaltransport
Wie die Gerüstbauteile beim Auf- und Abbau nach oben kommen. Ab mehr als drei Gerüstlagen ist dafür ein Hebezeug Pflicht, ausgenommen Einfamilienhäuser der Gebäudeklassen 1a und 2. Gleiches gilt bei Gerüsten bis 10 m Länge, die höher als 14 m sind. Seilrollenaufzüge brauchen eine Lastabsturzsicherung.
Absturzschutz bei der Montage
Welche Sicherung die Kolonne nutzt. Vorlaufender Seitenschutz oder ein Montagesicherungsgeländer haben Vorrang vor persönlicher Schutzausrüstung. Vor dem Hochreichen von Hand braucht jeder Abschnitt mindestens zweiteiligen Seitenschutz aus Geländer- und Zwischenholm, und an Endfeldern wird auch die Stirnseite gesichert. Mehr zur Technik im Ratgeber vorlaufender Seitenschutz.
Gefahrenbereich und Umgebung
Verkehrswege, Nachbargrundstücke, Freileitungen, Witterung. Auch das Bohren von Ankerlöchern gehört hierher: In älteren Gebäuden kann dabei Asbest oder Quarzstaub frei werden, was die Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen muss.
Kennzeichnung und Sperrung
Wo die Kennzeichnung hängt und wie nicht fertige Bereiche abgesperrt werden. Vorgeschrieben ist dafür das Verbotszeichen „Zutritt für Unbefugte verboten“ (D-P006) zusammen mit einer Absperrung.
Namen und Prüftermin
Name der Aufsichtsperson, Name der zur Prüfung befähigten Person und der vorgesehene Zeitpunkt der Prüfung. Gerade diese Zeile fehlt erstaunlich oft, obwohl sie im Streitfall die erste ist, nach der gefragt wird.
Das DGUV-Muster sinnvoll nutzen
Das Muster in Anhang 7.1 der DGUV Information 201-011 hat den Stand Januar 2023. Es ist als Formular aufgebaut und führt durch alle Punkte. Drei Hinweise aus der Praxis:
- Objektbezogen ausfüllen. Ein Formular, das bei jedem Auftrag mit denselben Kreuzen zurückkommt, belegt im Ernstfall nur, dass niemand hingeschaut hat.
- Skizze beilegen. Grundriss mit Gerüstverlauf, Zugang, Anker und Hebezeug ist schneller gelesen als jede Beschreibung.
- Verweise statt Abschriften. Statt Ankertabellen abzuschreiben, nennen Sie die gültige AuV-Variante mit Seitenzahl und legen bei Abweichungen den Einzelnachweis bei.
Praxisbeispiel: Reihenhauszeile mit Netzbekleidung
Ein Betrieb soll die Straßenseite einer Reihenhauszeile einrüsten. Die Fassade misst 36 m, gearbeitet wird auf fünf Lagen, der Maler will Netze gegen Farbnebel. So füllt der Kolonnenführer die Anweisung aus:
- Bauart und Klassen: Fassadengerüst, Lastklasse 3, W06, weil Putz- und Malerarbeiten anstehen.
- Aufstellgrund: Gehwegpflaster, zwei Revisionsschächte im Verlauf; Ständer werden so gesetzt, dass kein Fuß auf einem Deckel steht.
- Zugang: Die Abwicklung liegt unter 50 m, ein Zugang reicht. Wegen der Höhe von fünf Lagen wird ein Treppenturm geplant statt eines innenliegenden Leitergangs.
- Vertikaltransport: Mehr als drei Lagen und kein Einfamilienhaus: Ein Hebezeug ist Pflicht, eingetragen wird ein Gerüstaufzug mit Ladestelle.
- Bekleidung und Anker: Netzvariante der AuV, Ankerraster und Ankerkräfte daraus übernommen, Probebelastung der Dübel im Mauerwerk vorgesehen.
- Gefahrenbereich: Gehweg bleibt nutzbar; die Genehmigung der Gemeinde liegt bei. Wie man sie beantragt, erklärt unser Beitrag zur Sondernutzung öffentlicher Flächen.
- Namen: Aufsicht und befähigte Person mit Telefonnummer, Prüfung nach Fertigstellung des letzten Abschnitts.
Das Ergebnis passt auf zwei Seiten plus Skizze. Es reicht aus, weil das Gerüst in Regelausführung bleibt und alle Sonderpunkte benannt sind.
Auf der Baustelle: vorlegen, erklären, fortschreiben
Aufsichtsperson und Kolonne brauchen die Montageanweisung vor Ort griffbereit. Im Büro abgelegt nützt sie niemandem. Sie wird außerdem bei der Unterweisung erklärt. Die BetrSichV nennt dafür sechs Inhalte:
- den Plan für Auf-, Um- und Abbau verstehen,
- sicherer Auf-, Um- und Abbau,
- Schutz gegen Absturz von Personen und Herabfallen von Gegenständen,
- Vorkehrungen bei Wetterumschwung,
- zulässige Belastungen,
- sonstige Gefahren beim Auf-, Um- und Abbau.
Ändert sich während der Standzeit etwas, wird umgebaut: zusätzliche Konsolen, ein versetzter Zugang, nachträgliche Planen. Dann gilt die Pflicht für den Umbau ebenso wie für den ersten Aufbau. Ergänzen Sie die Anweisung, datieren Sie die Änderung und erklären Sie sie der Kolonne. Nebenbei: Jede Kolonne braucht mindestens einen Ersthelfer, auch das lässt sich auf dem Formular vermerken.
Abgrenzung zu Gebrauchsplan und Prüfprotokoll
Neben der Montageanweisung entstehen zwei weitere Papiere. Der Plan für den Gebrauch richtet sich an die Nutzer und nennt Ersteller, Last- und Breitenklasse, Bauart, Zugänge und Verwendungsbeschränkungen. Das Prüfprotokoll dokumentiert die Prüfung durch die befähigte Person vor der Übergabe. Gebrauchsplan, Prüfprotokoll und Kennzeichnung dürfen ein gemeinsames Dokument bilden, das wettergeschützt am Aufstieg hängt. Die Montageanweisung bleibt dagegen ein Arbeitspapier der Kolonne. Wie die Prüfung abläuft, steht im Ratgeber Gerüstprüfung.
Typische Lücken in Montageanweisungen
- Kopie der AuV: Viele Seiten Herstellertext, aber kein Wort zum Objekt.
- Fehlende Namen: Aufsicht und befähigte Person bleiben leer oder es steht nur der Firmenname da.
- Vertikaltransport vergessen: Die Gerüstteile werden dann doch von Hand hochgereicht, obwohl die Lagenzahl ein Hebezeug verlangt.
- Bekleidung nicht eingeplant: Netze kommen auf Zuruf des Nutzers dazu, Anker bleiben im unbekleideten Raster.
- Aufstellgrund pauschal: „Fester Boden“ statt einer Angabe zu Schächten, Gefälle oder Auffüllung.
- Kein Update beim Umbau: Das Gerüst sieht nach drei Wochen anders aus als auf dem Papier.
Wer diese sechs Punkte vor dem Aufbau abhakt, hat eine Montageanweisung, die nicht nur der Form genügt, sondern der Kolonne tatsächlich sagt, was zu tun ist.
Quellen
- BetrSichV – Betriebssicherheitsverordnung, dort Anhang 1 Nr. 3.2 zu Gerüsten; amtliche Fassung auf gesetze-im-internet.de, Stand der Abfrage Oktober 2026
- Technische Regel TRBS 2121 Teil 1 zur Absturzgefahr beim Einsatz von Gerüsten, Ausgabe 01/2019, bekannt gemacht über die BAuA
- DGUV Information 201-011 mit Muster-Montageanweisung in Anhang 7.1 – Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Sachgebiet Hochbau, Januar 2023
Häufige Fragen
Ist eine Montageanweisung für jedes Gerüst Pflicht?
Ja. Nach BetrSichV Anhang 1 Nr. 3.2 wird jedes Gerüst nach einem Plan auf-, um- und abgebaut. Bei einer einfachen Regelausführung darf dieser Plan kurz sein, fehlen darf er nicht.
Wer schreibt die Montageanweisung für ein Gerüst?
Der Gerüstersteller oder seine fachkundige Person, etwa ein Gerüstbaumeister, Montageleiter, Obermonteur oder Kolonnenführer. Welche Qualifikation nötig ist, hängt davon ab, wie komplex das Gerüst ist.
Reicht die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers als Montageanweisung?
Nein. Die AuV beschreibt das System allgemein. Die Montageanweisung muss objektbezogene Angaben wie Aufstellgrund, Zugänge, Bekleidung, Vertikaltransport und die Namen von Aufsicht und befähigter Person enthalten. Sie darf aber auf die AuV verweisen.
Wo finde ich ein Muster für die Montageanweisung?
Die DGUV Information 201-011 enthält in Anhang 7.1 ein Muster mit Stand Januar 2023. Es kann als Formular dienen, muss aber für jedes Objekt neu ausgefüllt werden.
Muss die Montageanweisung auf der Baustelle liegen?
Ja. Sie muss der Aufsichtsperson und den Beschäftigten am Einsatzort vorliegen und wird bei der Unterweisung erklärt. Bei einem Umbau wird sie ergänzt.
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