Vorlaufender Seitenschutz: sicher auf- und abbauen
Wer ein Gerüst aufbaut, steht oft auf einer Lage ohne Geländer. Wie vorlaufender Seitenschutz das ändert, welche Lösungen es gibt und für wen sich ein Umstieg lohnt.
Ein fertiges Gerüst hat auf jeder Lage Geländer und Bordbrett. Während des Aufbaus ist das anders: Wer die nächste Lage einbaut, betritt sie zunächst ohne Seitenschutz, denn die Geländer kommen erst, wenn Rahmen und Böden liegen. Genau in diesem Moment, beim Hinaufsteigen und beim Einhängen der ersten Teile, passieren Abstürze. Vorlaufender Seitenschutz schließt diese Lücke. Das Geländer ist schon da, bevor jemand die neue Lage betritt.
Für Käufer ist das Thema aus zwei Gründen wichtig. Wer ein Gerüst kauft, kauft auch die Art, wie es auf- und abgebaut wird – und damit Zeitaufwand, Zubehör und Unterweisung für die nächsten Jahre. Und wer einen Bestand an Rahmengerüst hat, fragt sich früher oder später, ob sich ein Wechsel lohnt. Dieser Beitrag erklärt die Technik, vergleicht die Lösungen und zeigt, wie ein Umstieg ohne Vorfinanzierung ablaufen kann.
Das Problem: die ungesicherte oberste Lage
Beim Aufbau eines Rahmengerüsts arbeitet sich die Kolonne Lage für Lage nach oben. Die Lage, auf der man steht, ist gesichert. Darüber liegt eine frisch eingehängte Bodenreihe, auf die man steigen muss, um die Geländer zu montieren. Für einige Minuten je Feld steht dort ein Monteur an einer offenen Kante, mehrere Meter über dem Boden. Beim Abbau dasselbe in umgekehrter Reihenfolge: Erst kommt das Geländer weg, dann die Böden.
Die Regeln verlangen, dass dieser Gefahr begegnet wird. Nach der TRBS 2121 Teil 1 und der DGUV Information 201-011 gilt die übliche Rangfolge im Arbeitsschutz: technische Lösungen vor organisatorischen, und erst danach persönliche Schutzausrüstung. Wie ein Betrieb das umsetzt, ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung und der Aufbau- und Verwendungsanleitung (AuV) des Systems.
Drei Wege, sich beim Aufbau zu sichern
1. Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz
Der Monteur trägt einen Auffanggurt und hakt sich an geeigneten Punkten des Gerüsts ein. Das funktioniert mit jedem System und braucht kein zusätzliches Gerüstmaterial. Der Nachteil: Jeder muss an jedes Umhängen denken, die Anschlagpunkte müssen geeignet sein, und im Ernstfall hängt ein Mensch im Gurt, der schnell gerettet werden muss. Dazu kommt, dass ein Fall in den Gurt bei geringer Höhe nicht immer rechtzeitig gebremst wird. Deshalb gilt PSA als letzte Stufe.
2. Montagesicherungsgeländer am Rahmengerüst
Für Rahmengerüste gibt es Montagesicherungsgeländer, oft kurz MSG genannt. Das Prinzip: Von der gesicherten Lage aus wird ein Pfosten mit Geländerholm am Rahmen befestigt, der über die nächste Lage hinausragt. Erst danach steigt der Monteur hinauf. Ist die neue Lage fertig und mit regulärem Seitenschutz versehen, wird das Montagesicherungsgeländer nach oben oder ins nächste Feld umgesetzt.
Das funktioniert und lässt sich an vorhandenem Material nachrüsten, sofern der Hersteller ein passendes Montagesicherungsgeländer für sein System anbietet. Es bedeutet aber zusätzliche Teile, die auf die Baustelle müssen, und zusätzliche Handgriffe in jedem Feld: einbauen, umsetzen, wieder ausbauen. In der Praxis kommt es deshalb vor, dass es aus Zeitdruck weggelassen wird.
3. Eingebauter vorlaufender Seitenschutz am Stielgerüst
Der dritte Weg setzt beim Gerüst selbst an. Bei Stielgerüsten mit eingebautem vorlaufendem Seitenschutz wird das endgültige Geländer der nächsten Lage von der gesicherten Lage darunter aus eingesetzt. Wenn der Monteur hinaufsteigt, ist der Seitenschutz bereits an seinem Platz – nicht als Hilfskonstruktion, sondern als Teil des fertigen Gerüsts. Es gibt nichts umzusetzen und nichts zu vergessen.
Nach diesem Prinzip arbeitet CETRAC MGS, ein Stielgerüst mit eingebautem vorlaufendem Seitenschutz. Zwei Varianten sind vorgesehen: MGS-A mit Kippverschluss (Patent angemeldet) und MGS-K mit Kippstift. Zum Stand: lieferbar ab 2027, DIBt-Zulassungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Bis zur Zulassung braucht ein Einsatz in Deutschland einen Standsicherheitsnachweis im Einzelfall.
Die drei Lösungen im Vergleich
| PSA (Auffanggurt) | Montagesicherungsgeländer | Eingebauter vorlaufender Seitenschutz | |
|---|---|---|---|
| Schutzprinzip | fängt den Sturz ab | verhindert den Sturz | verhindert den Sturz |
| Zusatzmaterial | Gurt, Verbindungsmittel | MSG-Pfosten und -Holme | keines, Teil des Systems |
| Zusätzliche Handgriffe | ständiges Umhängen | Einbauen und Umsetzen je Feld | kaum |
| Abhängig von Disziplin | stark | mittel | gering |
| Rettungskonzept nötig | ja | nein | nein |
| Einsatz mit vorhandenem Rahmengerüst | ja | ja, wenn für das System verfügbar | nein, eigenes System |
Und bei Modulgerüsten?
Auch für Modulgerüste bieten Hersteller Lösungen an, bei denen ein Geländer oder ein Montagepfosten von der unteren Lage aus vorausgesetzt wird. Wie das im jeweiligen System gelöst ist, steht in dessen AuV. Grundsätzlich gilt hier dasselbe wie beim Rahmengerüst: Ein vorlaufendes Geländer, das nachträglich ein- und wieder ausgebaut wird, sichert, kostet aber Handgriffe. Ein Seitenschutz, der von Anfang an Teil des fertigen Gerüsts ist, spart sie.
Zeitaufwand: Wo die Minuten stecken
Pauschale Zahlen zur Zeitersparnis wären unseriös, weil sie vom Objekt, von der Kolonne und vom System abhängen. Man kann aber nachzählen, wo zusätzliche Arbeit entsteht. Beim Montagesicherungsgeländer wird in jedem Feld und jeder Lage ein Teil eingebaut, das später wieder herauskommt; beim Abbau wiederholt sich das. Bei PSA kostet jedes Umhängen ein paar Sekunden, über einen Tag summiert sich das. Beim eingebauten Seitenschutz entfallen diese Zwischenschritte, weil das Geländer, das man einsetzt, ohnehin ins fertige Gerüst gehört.
Hinzu kommt der Aufwand außerhalb der Baustelle: MSG-Teile müssen gezählt, geladen, gepflegt und nach dem Einsatz zurück ins Lager. Bei PSA kommen Unterweisung, regelmäßige Prüfung der Gurte und ein Rettungskonzept dazu. Wer vergleicht, sollte all das in die Rechnung nehmen, nicht nur die Minuten auf dem Gerüst.
Sicherheit beim Abbau
Beim Abbau ist die Gefahr mindestens so groß wie beim Aufbau, weil dort oft unter Zeitdruck gearbeitet wird und das Material schwerer zu greifen ist. Der Grundsatz: Der Seitenschutz einer Lage wird erst entfernt, wenn niemand mehr auf ihr steht. Mit Montagesicherungsgeländer wird es vor dem Abbau der regulären Geländer gesetzt. Beim eingebauten vorlaufenden Seitenschutz wird das Geländer von der darunterliegenden Lage aus gelöst, nachdem die obere Lage geräumt ist. Mehr zur Reihenfolge im Beitrag Gerüst abbauen.
Typische Fehler beim Sichern der obersten Lage
- „Nur kurz“ ohne Sicherung: Das letzte Feld vor der Mittagspause, die zwei Böden am Giebel – gerade die kurzen Momente werden unterschätzt.
- Anschlagpunkt ungeeignet: Nicht jedes Rohr und jede Kupplung ist als Anschlagpunkt für PSA freigegeben. Was geeignet ist, steht in der AuV.
- Montagesicherungsgeländer zu spät gesetzt: Es muss stehen, bevor der Monteur die Lage betritt, nicht erst, wenn er oben ist.
- Stirnseiten vergessen: Am Gerüstende ist die offene Kante quer zur Fassade genauso gefährlich wie die Längsseite.
- Abbau in falscher Reihenfolge: Wer erst die Geländer der ganzen Länge abnimmt und dann die Böden, steht minutenlang ungesichert.
- Fehlende Teile im Paket: Wer gebraucht kauft, sollte prüfen, ob die für die Montagesicherung vorgesehenen Teile dabei sind, oder sie ergänzen.
Für wen lohnt sich welcher Weg?
- Privater Bauherr, einmaliger Aufbau am eigenen Haus: Hier ist ein gebrauchtes Rahmengerüst mit sorgfältigem Aufbau nach AuV meist die passende Lösung. Lassen Sie sich anleiten und arbeiten Sie nie allein. Bei größeren Höhen ist ein Fachbetrieb die bessere Wahl. Grundlagen im Beitrag Gerüst aufbauen.
- Maler- oder Dachdeckerbetrieb mit eigenem Rahmengerüst: Prüfen Sie, ob es für Ihr System Montagesicherungsgeländer gibt, und setzen Sie es konsequent ein. Für viele ist das der pragmatische Weg ohne Systemwechsel.
- Gerüstbaubetrieb mit vielen Aufbauten pro Jahr: Hier summiert sich jeder zusätzliche Handgriff. Ein System mit eingebautem vorlaufendem Seitenschutz kann sich lohnen, besonders wenn ohnehin Material ersetzt werden muss.
- Betrieb mit älterem, gemischtem Bestand: Ein Umstieg ist eine Gelegenheit, das Lager zu bereinigen und auf ein einheitliches System zu wechseln.
Umstieg: Rahmengerüst gegen MGS tauschen
Vorweg: Der Umstieg auf ein System mit eingebautem vorlaufendem Seitenschutz ist keine Pflicht. Ein Rahmengerüst, das nach AuV aufgebaut und mit den vorgesehenen Sicherungen betrieben wird, bleibt zulässig. Wer trotzdem wechseln möchte, muss sein vorhandenes Material nicht verschrotten. Wir nehmen Rahmengerüst im Gerüsttausch an und rechnen so:
| Neues MGS-Teil | dafür von Ihnen |
|---|---|
| Stiel | je ein gebrauchter Rahmen |
| Geländer | je ein gebrauchtes Geländer |
| Diagonale | je zwei gebrauchte Diagonalen |
| Bordbrett | je zwei gebrauchte Bordbretter |
Beläge, Konsolen und Zubehör behalten Sie. Zusatzteile wie Auflage- und Längsriegel werden extra berechnet. Der Ablauf ist so angelegt, dass Sie nichts vorfinanzieren: Erst wird Ihr Altmaterial verkauft, dann wird geliefert. Der Verkauf kann auch über mehrere Jahre verteilt werden; steuerlich kann das sinnvoll sein, klären Sie das mit Ihrem Steuerberater. Bezahlt wird die Lieferung per Vorkasse nach unterschriebener Auftragsbestätigung.
Zur Einordnung der Preise: MGS liegt als Richtwert um 49 € je m² Gerüstfläche (Stand Oktober 2026, netto). Wie sich das im Einzelnen rechnet, erklärt der Beitrag Rahmengerüst tauschen.
Wie man den Umstieg vernünftig plant
Ein Systemwechsel ist keine Entscheidung für einen einzelnen Auftrag. Sinnvoll ist er meist dann, wenn ohnehin Material erneuert werden muss, wenn das Lager aus mehreren Systemen besteht oder wenn die Kolonnen beim Auf- und Abbau spürbar Zeit für die Montagesicherung verlieren. Zählen Sie vorher Ihren Bestand grob nach Rahmen, Geländern, Diagonalen und Bordbrettern. Daraus ergibt sich, wie viele MGS-Teile Ihnen der Tausch bringt und welche Zusatzteile Sie dazukaufen müssten.
Viele Betriebe stellen nicht alles auf einmal um. Ein Teil des Rahmengerüsts bleibt für einfache Aufträge, der andere Teil wird getauscht. Weil der Verkauf des Altmaterials auch über mehrere Jahre verteilt laufen kann, lässt sich der Umstieg in Etappen organisieren. Was Ihr Altmaterial im Einzelnen bringt, hängt von System, Zustand und Menge ab; ein konkretes Angebot erhalten Sie auf Anfrage über den Anfragekorb.
Checkliste: Seitenschutz beim Auf- und Abbau
- Steht in der AuV Ihres Systems, wie der Seitenschutz bei der Montage herzustellen ist? Lesen Sie den Abschnitt vor dem ersten Aufbau.
- Sind alle nötigen Teile auf der Baustelle, also Montagesicherungsgeländer oder PSA mit geeigneten Anschlagpunkten?
- Ist die Kolonne unterwiesen, und weiß jeder, wann umgesetzt oder umgehängt wird?
- Gibt es bei PSA ein Rettungskonzept, und liegt das Rettungsgerät bereit?
- Wird die oberste Lage erst betreten, wenn der Seitenschutz steht?
- Bleibt beim Abbau der Seitenschutz bis zuletzt, und wird die Lage vorher geräumt?
- Steht für die nächsten Jahre ohnehin Ersatz an? Dann den Umstieg prüfen.
Häufige Fragen
Was bedeutet vorlaufender Seitenschutz?
Der Seitenschutz für die nächste Lage wird von der gesicherten Lage darunter aus montiert, bevor jemand die neue Lage betritt. So steht beim Auf- und Abbau niemand an einer ungesicherten Kante.
Ist vorlaufender Seitenschutz Pflicht?
Die Regeln verlangen, Absturzgefahren beim Auf- und Abbau zu begegnen, und technische Lösungen haben Vorrang vor persönlicher Schutzausrüstung. Wie das umgesetzt wird, ergibt sich aus Gefährdungsbeurteilung und Aufbau- und Verwendungsanleitung. Ein Wechsel auf ein System mit eingebautem vorlaufendem Seitenschutz ist keine Pflicht.
Was ist ein Montagesicherungsgeländer?
Ein Montagesicherungsgeländer ist ein Pfosten mit Holm, der von der unteren Lage aus am Rahmengerüst befestigt wird und die nächste Lage sichert. Nach dem Einbau des regulären Seitenschutzes wird es weiter versetzt.
Kann ich mein Rahmengerüst gegen ein Stielgerüst mit vorlaufendem Seitenschutz tauschen?
Ja. Wir rechnen 1 Rahmen gegen 1 MGS-Stiel, 1 Geländer gegen 1 MGS-Geländer, 2 Diagonalen gegen 1 neue und 2 Bordbretter gegen 1 neues. Beläge, Konsolen und Zubehör bleiben bei Ihnen.
Wann ist CETRAC MGS lieferbar?
Auslieferungen beginnen 2027, das DIBt-Zulassungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Bis die Zulassung erteilt ist, setzt ein Einsatz in Deutschland einen Standsicherheitsnachweis für das jeweilige Gerüst voraus.
Gerüst gesucht?
Fertige Pakete mit Teileliste finden Sie unter gebrauchte Gerüste und neue Gerüste, einzelne Teile unter Gerüstteile. Für Ihr Haus rechnet der Gerüstkalkulator Fläche, Stückliste und Preis.